Unzählige Opfer von Staatsgewalt werden täglich in diesem kapitalistischen System gezählt. Unzählige Menschen, deren Namen ungenannt, deren Gesichter ungesehen, deren Schicksale unbekannt bleiben. In Gedenken an jeden einzelnen dieser Menschen, veröffentlichen wir hiermit zusammengefasst die Schicksale einiger Ermordeter, um ihre Geschichte weiterzutragen und sie niemals in Vergessenheit geraten zu lassen. Gleichzeitig soll gezeigt werden, dass Staatsgewalt und Repressionen viele Formen aufweisen und sie sich auf unterschiedlichste Weise, wenn auch im Zusammenhang stehend, ausüben. Solange dieses System der Unterdrückung fortbesteht, solange wird
diese Gewalt kein Ende nehmen und solange werden wir auch dagegen ankämpfen.

Carlo Giuliani – Italien

Ermordet durch 2 Schüsse eines Carabinieri während der g8 Proteste am 20.07.2001 in Genua. Die brutalen Bilder seiner Ermordung gingen durch die Welt und sein Gesicht wurde zum Symbol der breiten, inernationalen Anti-g8 Bewegung. Seine Eltern kämpfen auch heute noch für die Verurteilung der Verantwortlichen und für Rechenschaft und Wahrheit.
Der Mörder wurde nicht verurteilt.

Halim Dener – Deutschland

Erschossen am 29.06.1994 in Hannover durch einen SEK Polizisten. Der kurdische Flüchtling hatte in Deutschland Zuflucht vor den schrecklichen Geschehnissen in seiner Heimat gesucht und wurde im Alter von gerade einmal 16 Jahren ermordet. Als er beim Plakatieren von ERNK Plakaten zur Unterstützung der PKK und gegen das Verbot der PKK-Fahne erwischt worden ist, traf ihn die Kugel aus kürzester Entfernung während seines Fluchtversuchs. „Halim fiel für diese Fahne, die das Symbol des kurdischen Volkes ist und das kurdische Volk wird diese Fahne für immer hochhalten“.
Der Mörder wurde nicht verurteilt.

Alexandros Grigoropoulos – Griechenland

6. Dezember 2008 im Zentrum Athens: Der 15-jährige Alexandros Grigoropoulos wird von einer Kugel durch die Brust getroffen, geschossen durch die Waffe eines Polizisten. Der Mord folgte einer verbalen Auseinandersetzung zwischen den Polizisten und einer Gruppe von Jugendlichen, in der sich auch Alexandros befand und verursachte in den folgenden Wochen schwere Unruhen im Land und Aktionen weltweit.

Erdal Eren – Türkei

Auf dem Papier zum 18-jährigen gemacht, um mit 17 hingerichtet werden zu können. Heute vergisst niemand mehr die Geschichte Erdal Erens, wenn es um die faschistische Militärdiktatur 1980 in der Türkei geht. Zum Tode verurteilt, weil er einen ihm gegenüberstehenden Polizisten während einer Demonstration ermordet haben soll, der jedoch aus weiter Entfernung von hinten erschossen wurde. Unter Haft wurde er schwer gefoltert. Weder internationaler Protest, noch der Einsatz seines Anwalts konnten seinen Mord am 13. Dezember 1980 in Ankara verhindern.

Neda Agha-Soltan – Iran

Durch ein Video, welches ihren Mord am 20. juni 2009 in Teheran, weltweit verbreitete, wurde ihr Gesicht zum Symbol der iranischen, jungen Freiheitsbewegung, die sich gegen die Wahlfälschungen und gegen die Regierung Ahmadinedschads richtete. Während der Proteste gegen den offensichtlichen Wahlbetrug während der Präsidentschaftswahlen 2009 wurde sie von einem Masij-Milizen erschossen. 9 weitere Demonstranten verloren an diesem Tag ihr Leben.

Jon Anza – Frankreich

Non da Jon Anza? 20 Jahre seines Lebens verbrachte der Baske im Gefängnis. Das ETA-Mitglied ist das bekannteste Beispiel des Verschwindenlassens in den Reihen der EU-Staaten. Am 18. April 2009 stieg der europaweit gesuchte Jon in einen Zug in Südfrankreich, wo er in Toulouse bei einem geheimen Treffen Geld übermitteln sollte. Danach wurde er nie wieder gesehen. Die Polizei, die erst behauptete Jon sei mit dem Geld geflüchtet und später mitteilte er sei in Toulouse an einem Herzinfarkt gestorben, nachdem er ein Jahr lang in einem Leichenhaus unerkannt geblieben ist, versuchte durch hinterhältige und repressive Maßnahmen, jeglichen Zusammenhang zwischen Jons Verschwinden und dem französischen und spanischen Staat zu unterbinden. Für Familie, Freunde und Aktivisten stand fest: Jon Anza wurde entführt, gefoltert und ermordet.

Hüseyin Xizri – Iran

Mit einem Lächeln im Gesicht und der Hand zum Gruß ausgestreckt wird ihm das tödliche Seil um den Hals gelegt und er wird in den Tod getreten. Hüseyin Xizri, Unterstützer der PJAK (Partei für ein freies Leben in Kurdistan), Menschenrechtler und Kurde, wurde im November 2008 nach Spionageuntersuchungen des Geheimdienstes in Urmiye festgenommen. Schwer gefoltert unter Haft wurde er aufgrund von Anti-Propaganda gegen den Staat Iran und Unterstützung der PJAK zum Tode verurteilt. Vielen weiteren Kurden, wie beispielsweise Zeynep Celaliyan, droht in den kommenden Zeiten der Tod.

Oury Jalloh – Deutschland

Das war Mord! Ein Asylsuchender aus Sierra-Leone wird in Dessau den typischen, jämmerlichen Bedingungen eines hilfesuchenden Flüchtlings in der BRD unterworfen. Ständig konfrontiert mit Rassismus und Perspektivlosigkeit, wird er aufgrund seines Verhaltens im betrunkenen Zustand verhaftet. Am nächsten Morgen ist er tot in der Zelle: verbrannt im lebendigen Leib. Er war an Händen und Füßen gefesselt, bei der Untersuchung ohne Feuerzeug wurde im Laufe der Untersuchungen eines bei ihm aufgefunden, die Gegensprechanlage in seiner Zelle wurde leiser gestellt, der anbrechende Feueralarm wurde mehrmals ignoriert, rassistische Äußerungen folgten nach der Tat durch Arzt, Dienstgruppenleiter und die beiden Polizisten. Eine 2. Obduktion auf Druck seiner Freunde ergab einen Nasenbeinbruch, die Aussagen der Polizisten widersprechen sich und die Polizisten werden freigesprochen. Trotz dieser und vieler weiteren Indizien und Ungereimtheiten wird der Mord an Oury Jalloh vertuscht.

Fred Hampton – USA

Erschossen im Schlaf am 4. Dezember 1969 in Chicago. Bei einem Festnahmeversuch der Polizei-Eliteeinheit wurde das Black-Panther Mitglied wehrlos ermordet. Er war Gründungsmitglied des Chicagoer Ortsverbands der Black Panther Party und setzte sich aktiv für die Rechte der Schwarzen ein. Seine Ermordung war Teil des staatlichen Aufstandsbekämpfungsprogrammes COINTELPRO, dessen Ziel die Störung unerwünschter politischer Gegner war.
Es wurde behauptet, dass die Polizisten aus Notwehr gehandelt hätten, obwohl das FBI die genaue Ausrichtung seines Zimmers und vor allem seines Bettes kannte, damit sie die Schüsse von außen durch die Wand schießen konnten.

Metin Lokumcu – Türkei

Es passierte während des Wahlkampfs, als der amtierende AKP- Regierungschef der Türkei, Tayyip Erdogan, in der Provinz Artvin, in der Stadt Hopa vom Volk abgewiesen und bekämpft wurde. Schwere Auschreitungen und Proteste, vor allem aufgrund der Privatisierungen des Wassers der Umgebung, folgten in diesen Tagen. Die Proteste wurden brutal von der Polizei niedergeschlagen, die Stadt abgeriegelt und eine Verhaftungswelle folgte, bei der es zu Folterungen der Inhaftierten kam. In diesen Tagen passierte es auch, dass der Lehrer Metin Lokumcu von einer Gasbombe mit übermäßigem Gasinhalt getroffen wurde, infolgedessen er an einem Herzinfarkt starb. Spontane Soliaktionen und weitere Auschreitungen folgten im Land nach dem Mord an dem linken Lehrer, dessen letzten Videoaufzeichnungen während der Ausschreitungen weit verbreitet wurden. Diese Repressionen sind ein Teil der Angriffswelle, die unter dem Motto „fortgeschrittene Demokratie“ durch die AKP-Regierung durchgeführt wurden und richten sich vor allem gegen Oppositionelle und Kurden.

Benno Ohnesorg – Deutschland

Es war seine erste Demonstration am 2. Juni 1967, der sich gegen den Besuch des Schahs von Persien richtete, als er mit enem Schuss in den Hinterkopf aus kurzer Entfernung durch einen Zivilpolizisten hingerichtet worden ist. Die Polizei hinderte nach dem Schuss das Alarmieren eines Krankenwagens und Erste Hilfe. Merkwürdig waren auch die Obduktionen im Krankenhaus, bei denen der Schädelteil mit Einschussloch durch die Ärzte herausgesägt und verloren wurde, wobei auch der Todeszeitpunkt verändert worden ist und keiner die Schussverletzung bemerkt haben will. Hinzu kommt, dass sein Mörder freigesprochen wurde und seinen Dienst wieder aufgenommen hat, obwohl es laut Beamtengesetz nicht erlaubt ist, bei einer Haftstrafe von mehr als einem Jahr oder Bewährung (wie es bei dem Mörder Karl-Heinz Kurras der Fall war)den Dienst wieder aufzunehmen.
Benno Ohnesorgs brutaler Mord stellte einen Wendepunkt in der 68-Bewegung Deutschlands dar, der eine Radikalisierung der Linken herbeiführte und wesentlich zur Militanz der linke Kräfte beigetragen hat.